Unsere Philosophie

Casual – locker zeitgenössisch mit viel Persönlichkeit Es erwartet Sie bei uns eine Sammlung mit viel Liebe zum Detail und sehr erkennbarer Signatur. Kleidung, die jeden Tag getragen werden kann, ohne alltäglich zu sein. Ausgesuchte Einzelartikel bieten unzählige Kombinationsmöglichkeiten mit Stücken aus den verschiedensten Modemetropolen. Gemeinsam ist besser und Harmonie ist Schönheit. Jede Kollektion ist eine fein ausgewogene Komposition aus Stilen, Farben, Mustern, Materialien und Silhouetten. Von Jacke zu Kleid und von Bluse zu Hosen: alle Einzelteile können zusammen und miteinander während der verschiedenen Jahreszeiten kombiniert werden.

Sie sind herzlich willkommen,

Ihr Hans Ahrens und das Team vom Modehaus BÖHMER

Hans Ahrens


Maria Niemann

Maria Niemann

Unsere Motivation

Zufriedenheit reicht uns nicht aus, wir möchten begeistern und überzeugen.

Es ist unsere größte Motivation, Ihnen eine Kollektion anzubieten, die sie auch nach Monaten noch fröhlich und mit dem gedanken, genau das Richtige erworben zu haben, in den Spiegel schauen lässt.

So setzen wir alles daran, Ihnen aus der breiten Palette des Angebots, das für Sie genau Passende zu präsentieren.


Agnes Freisfeld

Agnes Freisfeld


Ingrid Kleine

Ingrid Kleine


Manuela Recke

Manuela Recke

Unsere Kompetenz

Kompetenz hat bei uns Gesichter.

Doris Beiing

Doris Beiing


Ilona Liepa

Ilona Liepa


Hildegard Traven

Hildegard Traven

Unsere Geschichte

Die ersten Jahre

Beginnen wir im Jahr 1755. Was ist das für eine Zeit, damals vor 250 Jahren? In den Kirchen hört man noch gern die Musik Böhmer um 1775 Johann Sebastian Bachs, In Amerika wurde soeben der Blitzableiter erfunden, und in England machen die sogenannten „Blaustrümpfe“ von sich reden – aufmüpfige Weibsleute, die nach Gleichberechtigung schreien. In Telgte wird man Letzteres, wenn überhaupt, nur kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen haben. Das Münsterland Lebt seit sieben Jahren in Frieden. Solange ist nämlich der österreichische Erbfolgekrieg beendet, in den sich so ziemlich jede europäische Macht irgendwann eingemischt hat. Das Glück wird allerdings nicht mehr lange dauern, denn Friedrich II. von Preußen plant schon den nächsten Krieg: Was wir im Geschichtsunterricht als den "Siebenjährigen Krieg" auswendig lernen mussten, das beginnt 1756 und wird auch Telgte allerlei Truppenbesatzungen und anderes Unbill bringen. Noch ist davon aber nicht die Rede. Knapp 25 Millionen Menschen leben um 1755 in Deutschland, gerade mal 1.600 in Telgte. Die Stadt ist - für unsere heutigen Begriffe – eigentlich ein Dorf. Den Menschen hier geht es verhältnismäßig gut, sie leben von der Landwirtschaft, vom Handwerk und – in noch bescheidenem Maße – auch vom Handel. 1739 hat die Stadt zum letzten Mal gebrannt. Noch immer sind einige Häuser in den zerstörten Straßen zwischen Steintor und westlicher Ritterstraße unbewohnt. Lieber erinnert man sich an die jüngst begangene Hundertjahrfeier zur Grundsteinlegung der Wallfahrtskapelle: Vom 1. bis zum 14. Juli des Jahres 1754 kamen mehr als 60.000 Pilger nach Telgte - vielleicht waren es sogar 100.000! Ein Riesenevent also, von dem man in Telgte noch beim nächsten Jubiläum in hundert Jahren erzählen wird. In diesem Jahr 1755 beschließt ein gewisser Johann Anton Böhmer, den landwirtschaftlichen Betrieb der Familie um eine Dampf-Kornbranntwein-Brennerei zu ergänzen. Haus und Hof liegen direkt am Marktplatz, und die südlich gelegenen Flurstücke bis zur heutigen Königstraße bieten genügend Platz. Die Idee ist nicht ganz so verwegen, wie sie heute klingt: Zu dieser Zeit widmen sich in Telgte schon fast ein Dutzend Kornbrennereien der schönen Aufgabe, Getreide in eine Flüssigkeit zu veredeln. 24 Beschäftigte arbeiteten in der Branche, die meisten davon verdingen sich als Tagelöhner und erhalten 1 Taler am Tag. Der Bruttoertrag aller Brennereien beträgt im Jahr 1755 genau 77.760 Taler. Zum Vergleich: Die 48 Tuchweber Telgtes erwirtschaften an ihren Webstühlen übers Jahr zusammen nur 24.050 Taler, wobei ein Tagelöhner damit immerhin 1 ¼ Taler am Tag verdient. Was die Brennereien an Korn verarbeiteten – 1755 waren es fast 20.000 Scheffel voll – hätte auf dem Markt knapp 65.000 Taler gekostet. Die Arbeit lohnt sich also nur für die Bauern, die den Rohstoff selbst produzieren und nicht zukaufen müssen. Mein Vorfahr Johann Anton Böhmer, der nur 37 Jahre alt wurde und 1761 starb, war also eigentlich ein Bauer. Aber wohl einer mit einer besonderen Nase fürs Kaufmännische. Denn schon im Jahr 1755 hat er Handel betrieben, und zwar mit Tuchen. Aus einer alten Rechnung von 1751 geht hervor, dass Böhmers Hanf und Flachs im Tagelohn zu Leinen weben ließen und dann weiterverkauften. Das Verfahren war in Telgte nicht unüblich, viele Hausweber haben sich auf diese Weise ein Zubrot verdient. Nur hat es eben längst nicht bei allen bis in die Gegenwart überlebt. Wir wissen heute leider kaum etwas darüber, wie Johann Anton Böhmer mit seiner Frau Maria Katharina Wennink und seinen Kindern lebte. Sicher haben sie hart gearbeitet und in eher bescheidenen Verhältnissen gelebt. Die Häuser sind in dieser Zeit klein und dunkel, der Alltag spielt sich hauptsächlich in Küche, Stall und Scheune ab. Mit Mode haben diese Böhmers noch überhaupt nichts am Hut. Mode, das ist um diese Zeit eher ein Thema für die adeligen Damen und Herren, deren Höfe in der Ritterstraße oder am heutigen Baßfeld liegen. Gut möglich, dass der Früh-Unternehmer Böhmer bei der Landarbeit gelegentlich auch einem Grafen in Kniehosen und Seidenrock zu Pferde begegnet. Die wirklichen Modeereignisse des Rokoko spielen sich allerdings in den Salons und Ballsälen ab, die ein einfacher Bürger nie zu sehen bekommt. Dort kleiden sich die Damen in tief dekolletierte Schnürmieder und Reifröcke. Die Röcke sind manchmal so breit, dass ihre Trägerinnen nur seitwärts durch die Türen schreiten können und der begleitende Herr beim Händchenhalten seine liebe Not hat, der Dame nicht permanent auf den Saum zu treten. Die Frisuren der Damen türmen sich bis zu einem halben Meter hoch. Der Friseur benötigt mehrere Stunden für einen solchen Haarputz, und manche Damen können vor dem Ball nur im Sitzen schlafen, weil das Kunstwerk sonst Schaden nimmt. Das alles wird mit Puder weiß überstäubt, was wiederum ein kräftiges Gesichts-Makeup in Rot und Weiß nötig macht. Auch die Herren pudern und schminken sich, im Übrigen bleibt ihre Kleidung jedoch deutlich „tragbarer“

Durch das 19. Jahrhundert

1805 hat die Welt hat sich grundlegend verändert: Die Vereinigten Staaten von Amerika sind entstanden. Hier in Preußen hat Friedrich Wilhelm III. das Zepter übernommen und wird noch bis 1840 auf dem Thron bleiben. Böhmer um 1805 Nur 16 Jahre ist es her, dass in Frankreich die Große Revolution ausgebrochen ist. Schreckliche Dinge hat man hierzulande aus Paris vernommen! Im vergangenen Jahr, 1804, hat sich Napoleon Bonaparte gar zum Kaiser krönen lassen und überzieht nun die ganze Welt mit Krieg! Gerade in diesem Jahr 1805 werden berühmte Schlachten geschlagen: Admiral Nelson besiegt bei Trafalgar die spanisch-französische Flotte, und Napoleon gewinnt die Schlacht von Austerlitz gegen Österreich und Russland. Telgte hat, wie viele deutsche Städte, in dieser "Franzosenzeit" ziemlich zu leiden. Immer wieder ziehen fremde Truppen verschiedener Kriegsparteien durch, mehrfach werden die Telgter Söhne zur Armee rekrutiert. Telgte verliert aber auch wieder und wieder seine Staatsangehörigkeit: nicht weniger als sieben Mal wechselt die Stadt in diesen Jahren die politische Zugehörigkeit. Erst 1803 war Telgte per "Reichsdeputationshauptbeschluss" zum Königreich von Preußen geschlagen worden. Als Napoleon aber 1806 in der Schlacht bei Jena die Preußen besiegt, errichtet er ein französisches Königreich Westfalen. Merkwürdigerweise gehört Telgte nicht dazu, sondern wird wie Münster dem benachbarten Großherzogtum Berg zugeordnet. 1810 setzt Napoleon gar seinen erst vierjährigen Neffen zum Herrscher über das Münsterland ein. 1811 wird Telgte dann Teil des neu eingerichteten französischen Départments "de la Lippe".

Diese politischen Veränderungen und damit die ständigen neuen Gesetze und Behörden haben die Telgter vermutlich einigermaßen stoisch über sich ergehen lassen. Gelitten haben sie darunter, dass ihre Männer auf fernen Kriegsschauplätzen in Spanien oder Russland für eine ungeliebte Herrschaft starben, oder dass Väter im Münsterschen Buddenturm eingesperrt wurden, weil ihre Söhne desertiert waren. Ungerecht fanden die Telgter es sicher auch, dass sie für den Bau der neuen Straße von Münster nach Osnabrück Geld bezahlen sollten. Mancher musste gar persönlichen Arbeitsdienst leisten. Und dass, wo die Straße – und damit all die schönen Einnahmemöglichkeiten – an Telgte vorbei gehen sollte. Für die Archive allerdings ergab sich aus den häufigen Wechseln auch ein Vorteil, weil die jeweils neuen Machthaber oft auch aktuelle Berichte über den Stand der Wirtschaft, speziell natürlich der Finanzen, anforderten. Dadurch wissen wir heute, dass die Telgter auf der einen Seite zwar über mancherlei Zwangsabgaben für die Besatzungstruppen gestöhnt haben. Auf der anderen Seite hatte die durch Napoleon verhängte Kontinentalsperre gegen England aber zur Folge, dass Waren aus Telgte besonders reißenden Absatz fanden. Sowohl die Erzeugnisse der Telgter Fayence-Manufaktur als auch die wollenen Tuche von Telgter Webstühlen waren dadurch die lästige britische Konkurrenz los und eroberten sich zwischenzeitlich beträchtliche Marktanteile. Die Leineweber hatten dagegen erhebliche Probleme, weil sie nicht mehr nach England exportieren konnten. Das dürfte auch den Handel der Familie Böhmer betroffen haben, der inzwischen auf Manufakturwaren ausgeweitet wurde. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb? - gründet der jüngste Sohn von Johann Anton, Johann Christoph Böhmer, die "Böhmersche Privatbank". Auch das ist, unternehmerisch gesehen, nicht ganz so ungewöhnlich, wie es heute scheint. Mehrere Telgter Kaufleute waren im 19. Jahrhundert auch Bankiers, gaben Kredite oder nahmen Spareinlagen an. Allerdings scheint Johann Christoph Böhmer früher als die meisten auf diese Idee gekommen zu sein. Brennerei und Landwirtschaft werden selbstverständlich weitergeführt. Vermutlich ist mein Urahn nun schon mehr Kaufmann als Bauer, und wir können uns vorstellen, wie er sonntags im Kreise der sittsam gekleideten Familie durch die Kapellenstraße zur Clemens-Kirche schreitet. Wie sein Vater trägt er noch immer Kniehosen, aber wenn sich seine Frau Anna Gertrud ein wenig für Mode interessiert, dann versucht sie sicher schon, ihrem Gemahl die modischeren langen Hosen schmackhaft zu machen. Über dem Hemd wird ein farbiger Frack getragen, und darüber ein farblich nochmals abgesetzter Spencer. Weiße, geknotete Halsbinde und ein hoher Hut vervollständigen die Feiertagskleidung, mit der man in Telgte um 1805 als wohlhabender und weltläufiger Mann gilt. Es ist nicht zu übersehen, dass Napoleons Garden auch die Mode ihrer Zeit beeinflusst haben. Seine Frau müssen wir uns in Kleid und Mantel vorstellen. Von der üppigen Weite des vergangenen Jahrhunderts ist bei den Röcken nicht mehr viel übrig geblieben. Überhaupt hat sich die gesamte Silhouette der Damenmode verändert: Alles hat sich ein Stück nach obern verschoben. Die Kleider schleifen nicht mehr auf dem Boden, sondern geben erstmals den Blick auf die Füße frei, und die Taille wird weit über die Körpermitte hinaus nach oben verlegt. Der so genannte Empire-Stil mit Puffärmelchen, langen Handschuhen und – ganz wichtig und geradezu unverzichtbar – mit Fächer ist geboren. 1855 - 1855 tun. Familie Böhmer trauert! Sie trauert um Bernhard Anton Böhmer, der am 30. Juni des vergangenen Jahres starb. Er hat das Familienunter-nehmen bedeutend gestärkt und gefestigt. In der Zeit seiner Geschäftsführung wird der Böhmer um 1805 Handel zu einem bedeutenden wirtschaftlichen Standbein, wenn auch die Eintragung in das Königlich-Preußische Handelsregister des Kreises Münster erst 1862 durch seinen Sohn August vorgenommen wird. Übrigens, dieser August ist 1855 ja schon ein Mann im besten Alter, aber vor wenigen Jahren noch hat er Ärger mit der Polizei gehabt, weil er mit einigen Kameraden verbotenerweise ein Plakat aufrührerischen Inhalts am Rathaus angebracht hat. Glücklicherweise ließ sich damals alles gütlich regeln. Etwa um 1850 übrigens hat unser Haus hier am Markt die Gestalt erhalten, die es noch heute hat. Vorher waren es nämlich eigentlich zwei Hausstätten gewesen, mit nebeneinander liegenden, aber getrennten Hauseingängen, deren schmale Vorderfronten zum Markt zeigten. Bernhard Anton Böhmer unternimmt nun einen großzügigen Umbau, durch den beide Hausteile miteinander verbunden wurden. Dadurch entsteht ein Gebäude, das mit seiner Breitseite zum Marktplatz steht und damit viel präsentabler ist als früher. Das Umbauen scheint den Böhmers irgendwie im Blut zu liegen, jedenfalls hat fast jeder von Bernhard Antons Nachfahren – mich eingeschlossen – irgendetwas am Haus verändert, vergrößert und umgebaut. Jede dieser Baumaßnahmen hat ihre Spuren am Haus hinterlassen, auch wenn manche inzwischen wieder zurückgenommen wurde. Heute sieht es übrigens fast wieder so aus wie um 1855. Bernhard Anton Böhmer hat sich auch als Mitglied des Stadtrates einen Namen gemacht. In den Archiven der Stadt gibt es Protokolle von Ratssitzungen, die sein Engagement für das Wohl der Stadt und ihrer Bürger belegen. Schon 1831 ist Bernhard Anton Böhmer vom Regierungspräsidenten zum 2. Beigeordneten des damaligen Bürgermeisters Max Schulz ernannt worden. Als dieser 1850 stirbt, wird mein Vorfahr sogar zum kommissarischen Amtmann benannt. Er hat offenbar keine Ambitionen, diese Aufgabe für längere Zeit zu übernehmen, schließlich ist er Kaufmann und will es auch bleiben. Doch seine Erfahrung macht ihn zum geeigneten Mann, den richtigen Nachfolger zu finden. In unseren Familienbriefen habe ich Schreiben gefunden, mit denen sich verschiedene Verwaltungsbeamte für den Posten empfehlen. Über manche hat Bernhard Anton Böhmer sogar Erkundigungen bei Freunden aus der Umgebung eingezogen, zum Beispiel bei dem nach Hamm verzogenen Apotheker Fritz Brefeld und dessen Frau Clara. 1852 wird schließlich der gebürtige Franke Carl Anton Dierickx berufen, der zuvor 12 Jahre lang Amtmann von Gronau gewesen war. Bernhard Anton verbleibt weiterhin im Rat und setzt sich 1853 vehement für die Reparatur der städtischen Pumpe auf dem Marktplatz ein. Ich zitiere aus seiner schriftlichen Beschwerde: "Da der große Übelstand für hiesige Stadt, daß hie keine einzige Pumpe besteht, auf deren anhaltende Benutzung etwa bei einem vorkommenden Brande mit Sicherheit zu rechnen ist, da die einzige städtische Pumpe mit ihrem Brunnen in so schlechtem Zustande sich befindet, daß sie beim ersten Angriffe zusammenstürzen kann und der Brunnen in der ersten halben, vielleicht Viertelstunde bei einer starken Benutzung versagen würde, muss einen jeden hiesigen Einwohner mit banger Sorge erfüllen, dass bekanntlich das Wasserschöpfen aus der Ems nur langsam geht und Privatbrunnen und –pumpen nur wenig leisten können, wenn ein Brand bedeutend würde." Bernhard Anton Böhmer hat den Plan, Wasser von der Ems mittels einer von acht Mann zu bedienenden Doppelpumpe in ein Bassin fließen zu lassen. Das soll dann durch unterirdische Rohre an verschiedene Brunnen verteilt werden, um so die Versorgung aller Stadtteile mit genügend Löschwasser sicher zu stellen. Leider macht ihm der Höhenunterschied zwischen Emsufer und Marktplatz einen Strich durch diese Idee. Die Stadtverwaltung lässt es deshalb später bei einer Erweiterung von Pumpe und Brunnen auf dem Marktplatz bewenden – allerdings erst, nachdem ein Brand tatsächlich die schlimmen Befürchtungen meines Vorfahren bestätigt hatte. Telgte ist noch immer eine Stadt der Handwerker und Landwirte. Die Industrialisierung, die in England um diese Zeit bereits einsetzt, liegt im Münsterland zwar auch in der Luft, aber irgendwie kommt sie hier nicht recht in Gang. Sicher hat das auch damit zu tun, dass Telgte immer noch keinen Eisenbahnanschluss hat, obwohl es bereits mehrere private Eisenbahnstrecken gibt, die allesamt nach Münster führen. Doch ein Bahnhof für Telgte wird noch bis 1887 auf sich warten lassen. Die Mode der Zeit hat nichts mehr mit den fließenden Schnitten nach antiken Vorbildern zu tun, die zum Jahrhundertbeginn noch "en vogue"“ waren. Stattdessen kommt die Krinolin wieder. Die Röcke der Damen werden nämlich wieder länger und vor allem weiter, am Saum haben sie nicht selten einen Durchmesser von zwei Metern. Oben sorgt eine frühe Form des Korsetts dafür, dass alles allzu Weibliche platt geschnürt wird. Zeitgenossen vergleichen die neue Frauen-Silhouette deshalb auch mit einem "aufgeputzten Teewärmer". Volants sind schwer "in" – Kaiserin Eugenie in Frankreich soll ein Kleid mit 104 Reihen Tüllvolants besessen haben. Alles ist ungeheuer verspielt und überreich verziert. Gut, dass inzwischen die Nähmaschine erfunden wurde. Bei den Herren haben sich längst enge, lange Hosen etabliert, die mit einem kleinen Band festgehalten werden, das unter der Schuhsohle hindurch führt. Sie weichen aber allmählich etwas weiteren, lose getragenen Hosen. Es ist die Zeit, in der die Farbigkeit aus der Männemode verschwindet. Einfarbige Anzüge kommen auf, man geht nur noch in "Schlips und Kragen". Spazierstock, steifer Hut und Gehrock werden zum unverzichtbaren Accessoire der Herrenmode.

In das 20. Jahrhundert

Im Jahr 1905 hat der Fortschritt Telgte nun doch noch erreicht. Seit 1887 hat die Stadt einen Eisenbahnanschluss Böhmer um 1925 und einen Bahnhof, weil man eine Schmalspur-bahn nach Münster errichtet hat. Diese wird bevorzugt von vierbeinigen Reisegästen benutzt – man schickt damit nämlich Kühe und Schweine zu den großen Viehmärkten nach Münster. Wenig später wird die Strecke als Normalspurbahn nach Osten quer durch den Kreis Warendorf verlängert. Seit vier Jahren wird unser Haus durch eine Telegraphenleitung verziert. Denn 1901 hat im Haus gegenüber, an der Ecke von Kapellenstraße und Münsterstraße, das erste Telgter Telegraphenamt den Betrieb aufgenommen. 50 Jahre später als in Münster, aber immerhin. Die erste Leitung führt über unser Dach und das der Häuser Bußmann, Horstmann und Mermann bis zum Bahnhof. Direkt vor unserer Haustür kündigen sich allerdings noch größere Veränderungen an: Der Rat der Stadt hat nämlich beschlossen, das marode Rathaus aus der Zeit um 1500 abzureißen. Zunächst werden verschiedene andere Grundstücke für den Neubau ins Auge gefasst, doch die erweisen sich als zu teuer oder als ungeeignet. Deshalb entscheidet der Rat endlich, das neue Gebäude an gleicher Stelle zu errichten. Und ob Sie es glauben oder nicht: binnen eines Jahres sind Abriss und Neubau beendet, schon 1908 zieht die Verwaltung der Stadt in das Haus am Markt!

Mein Urgroßvater Paul Böhmer hat den Bau nicht mehr gesehen, denn er stirbt im Jahr 1905. Sein Sohn Otto ist erst 18 Jahre alt, doch er übernimmt sofort die Geschäfte der Familie Böhmer mit seiner Mutter Laura Böhmer. Er wird die Firma durch schwierige Zeiten führen müssen. Es dauert nur noch 9 Jahre bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs. Deutschland rüstet mächtig auf und wird nach England zur zweitgrößten Seemacht der Welt. Vorkriegs-Europa steht kurz vor einer alles verändernden Katastrophe, und das spüren sicher auch die Menschen in Telgte. Kaufmännisch bedeutet diese Unsicherheit für Otto Böhmer, sich auf einen Wirtschaftszweig zu konzentrieren. Als erstes wird die Kornbrennerei an Familie Rüschkamp verpachtet, doch bald nach dem ersten Weltkrieg gehen die Rüschkamp´s und Otto verkauft die landwirtschaftlichen Brennrechte. Dann beendet Otto Böhmer die erfolgreiche Geschichte der Böhmerschen Privat-Bank, die fast 100 Jahre alt geworden ist. hre Geschäfte gehen auf die inzwischen auch in Telgte etablierte Genossenschaftsbank und die öffentliche Sparkasse über – die Ära der privat geführten Banken ist endgültig vorbei. Gleich nach dem Krieg wird Otto Böhmer noch einen Entschluss fassen, dessen Bedeutung wir heute noch fühlen: er beschränkt sich freiwillig auf den ausschließlichen Handel mit Textilien. Damit legt er den Grund für den fortdauernden Erfolg des Geschäftes, erkennt er damit doch frühzeitig den Trend hin zum Fachgeschäft. Die allgemeine Entwicklung in der Mode kommt ihm dabei zugute, denn um die Jahrhundertwende entsteht die moderne Konfektionsware, die in Fabriken gefertigt wird. Auf die "Turnüre", jenes unsägliche Popopolster aus dem vergangenen Jahrhundert, verzichtet man endlich. Aber stattdessen zwängt Frau sich jetzt in ein neues Korsett, dessen senkrechte Stahlstange allen Damen zu einem heftigen Senkrücken verhilft. Diese orthopädische Katastrophe bleibt noch bis ungefähr 1910 in Mode, obwohl es immer wieder Versuche gibt, so genannte Reformkleider zu kreieren. Die weiten Gewänder ohne Korsett entsprechen jedoch eher den medizinischen als den ästhetischen Ansprüchen ihrer Zeit. Nur wenige Fanatikerinnen mögen sie wirklich, und ich kann mir nicht vorstellen, dass es in Telgte viele von ihnen gab. Die Kleider um 1905 wirken auf uns heute altbacken und rückwärtsgewandt. Mit Ausnahme der Gesellschaftsrobe sind sie allesamt hochgeschlossen, langärmelig und bodenlang. Aber unter dem sichtbaren Überkleid verbergen sich jede Menge Unterstoffe, deren Spitzen verheißungsvoll rascheln und gelegentlich hervorblitzen, wenn eine Dame die Röcke aufnehmen muss. Dieses "Aufnehmen" hat seinen eigenen koketten Charme. Es wird natürlich viel häufiger eingesetzt als nötig, denn es kann so ziemlich alles bedeuten zwischen einem klaren "Nein" und einem zarten "Ja – vielleicht". Und wenn das nicht hilft, dann lässt sich das Spiel mit dem Sonnenschirm, der eine echte Dame bei jedem Wetter begleitet, beliebig fortsetzen. Den Männern steht um 1905 Entsprechendes natürlich nicht zur Verfügung. Der Herrenanzug hat sich kaum verändert, allerdings sind nun Zylinder und weiße Handschuhe ein absolutes "Must" für den Herrn von Welt. Außerdem beschert uns die Jahrhundertwende den kleinen Strohhut, den man in der Sommerfrische, auf der Bildungsreise nach Italien oder beim Ausflug mit den fidelen Kameraden der Liedertafel trägt. Und noch etwas ist neu: eine eigene Mode für den Automobilisten. Flatternder Schal und Pilotenhaube werden zum Markenzeichen der neuen, automobilen Generation, und ganz nebenbei beschert die neue Erfindung auch dem warmen Mantel ein kleines Comeback. Zwei Weltkriege haben ungeheures Leid über die Menschen gebracht, und am Ende ist ein neues Europa Böhmer um 1945 entstanden, das sich eben in diesen Jahren um 1955 neu formiert. Das so genannte Wirtschaftswunder ist im vollen Gang. "Made in Germany" wird zum Qualitätssiegel. Die Menschen arbeiten mit dem sprichwörtlichen Fleiß der Deutschen, und sie genießen ihren wieder erlangten – bescheidenen– Wohlstand. Wir sind wieder wer – sogar im Fußball, wie das Wunder von Bern beweist. Wer es sich leisten kann, fährt mit dem VW Käfer über die Alpen nach Italien. Man träumt vom Sonnenuntergang auf Capri und bewundert den "american way of life". Das Top-Ereignis des Jahres 1955 sind nicht etwa die Pariser Verträge oder die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Bonn und Moskau, nein – es ist der Besuch des iranischen Kaiserpaares in Deutschland. Die noch strahlende Kaiserin Soraya verzaubert im Handumdrehen die Medien und damit die gesamte Bevölkerung. In Telgte sind die ersten Nachkriegsjahre fast ebenso schwierig gewesen wie der Krieg. Die Stadt hat durch die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Osten eine regelrechte Bevölkerungsexplosion zu verkraften gehabt, die erst mit Beginn der 50er Jahre allmählich abebbt. Der wirtschaftliche Aufschwung ist in unserer traditionell landwirtschaftlichen Gegend nicht halb so kräftig ausgefallen wie andernorts. Dennoch geht es auch hier wieder aufwärts. Der Mariä-Geburts-Markt knackt erstmals seit dem Krieg den Rekord von 30.000 Besuchern, die Freiwillige Feuerwehr feiert ihr 70jähriges Bestehen. Seit 1953 genießen die Telgter erstmals eine zentrale Wasserversorgung. Die Kanalisation ist dagegen immer noch nicht fertig, aber wegen der in Aussicht gestellten Landesmittel hat man nun doch recht zügig mit dem 2. Bauabschnitt begonnen. Deshalb ist die Münsterstraße vor unserem Haus komplett aufgerissen, was zu erheblichen Verkehrsbehinderungen führt. Schließlich gibt es 1955 weder die Umgehungsstraße noch die Verkehrsberuhigung der Innenstadt. Etwa um die gleiche Zeit übernimmt mein Vater Hans Ahrens die Geschäfte des Modehauses. Großvater Otto stirbt 1958, aber Großmutter Maria Böhmer bleibt uns als Seniorchefin noch lang erhalten. Mein Vater veranlasst noch 1958 den ersten großen Umbau des Geschäftshauses: Die Fassade wird vollkommen umgestaltet und erhält statt der einzel Schaufenster aus der Vorkriegszeit eine durchgängige Schaufensterfront. Hans Ahrens ist übrigens vor mir der erste, der nicht mehr den Namen Böhmer trägt, aber den Grundgedanken des Hauses Böhmer. Dieser steht für Spaß am Handel und an der immer wieder veränderten neuen Mode zu präsentieren und auszuleben. Er präsentiert die Modewelt der 50. Jahre mit meiner Mutter Rosemarie Ahrens in diesen neuen Modefenstern. Der New Look des Christan Dior, der die Frauen von den praktischen, aber wenig schmeichelhaften Kleidungsstücken der Nachkriegszeit befreite, setzt sich auch in der Konfektionsware durch. Der Rocksaum ist um spektakuläre 15 cm nach oben gerutscht (vom Mini wagt um 1955 noch niemand zu träumen). Zugleich zeigt sich, dass die deutsche Frau nicht bereit ist, sich von einer ganz bestimmten Errungenschaften der Vorkriegszeit zu trennen: der Hose! Etwas ganz Neues ist das knielange Cocktailkleid! Denn die bunten Mixgetränke sind zwar schon vor dem 1.Weltkrieg in Europa angekommen, aber als Lebensgefühl setzt sich der Cocktail erst jetzt durch. Und mit ihm jenes raffinierte Nachmittagskleid, das von nun an jede Frau vor die Frage stellt: Trag ich kurz oder lang? Richtig für Aufregung sorgt allerdings etwas anderes, denn aus Amerika tritt jetzt der Petticoat seinen Siegeszug durch deutsche Kleiderschränke an. Und der Mann? Da hat sich immer noch nicht viel getan. Man trägt nach wie vor Anzug – unter der Woche in braun oder blau, sonntags den "Guten" in schwarz. Die Schnitte sind so weit, dass man nicht wirklich erkennen kann, wie viel Bauch sich darunter verbirgt. Schlips, Hemd und Hut – das war’s dann schon. Der Blick in einen Männer-Kleiderschrank um 1955 konnte einen schon zum Gähnen bringen. Es sei denn, sein Besitzer mochte die neue Musik aus Amerika. Wer Bill Haley hörte, der zog sich auch so an wie der, und das war dann gar nicht mehr langweilig.

Neuzeit bei BÖHMER

Natürlich kommt es uns heute vor, als seien die letzten 50 Jahre diejenigen gewesen, in denen sich die Welt am deutlichsten verändert hat. Es scheint, als würden wir Bilder von einer anderen Welt sehen, wenn wir alte Fotos von Telgte betrachten. Auch im Geschäft hat sich noch einmal so vieles verändert. Was 30, vielleicht auch nur 10 oder 20 Jahre her ist, das wirkt auf uns heute schon ziemlich altmodisch und längst überholt. Vor fast 20 Jahren bin ich dann bald in Erscheinung getreten. In vier Monaten also feier ich mein kleines Jubiläum. Wir wollen aber nicht davon reden, sondern zum Beispiel von der Einführung damals des ersten Computer bei Böhmer. Mein Vater war es, der die erste Buchungsmaschine installierte. Mir blieb dann der Personal Computer. Der Wandel zur warenbegleitenden Softwear begann. Anfangs noch recht schleppend, aber dann immer schneller im stetigen Wandel der Zeit.

Auch die Art und Weise des Verkaufens hat sich ja vollständig gewandelt. Wenn ich heute alte Prospekte von Einrichtungsanbietern durchblättere, dann erinnere ich mich gut daran, wie wir selbst hier solche Regale und Schränke stehen hatten. Auslagetische mit Glasscheibe und dunklem Holz, ganze Kleiderstangen voll mit dem gleichen Stück, ordentlich nach Größen sortiert. Kam eine Kundin ins Geschäft, schoss gleich eine Verkäuferin auf sie zu, um die Wünsche der "werten Dame" zu erfragen. In einen Laden zu gehen, nur um zu gucken, das war in den wenigsten Geschäften gern gesehen. Das Bummeln-Gehen mussten wir nämlich erst noch lernen. Heute freuen wir uns natürlich über jede Kundin, die den Laden betritt. Wir zeigen ihr nicht nur die Ware unserer verschiedenen Hersteller, wir laden sie auch ein, deren Erlebniswelten kennen zu lernen. Wir können nicht mehr einfach nur schöne Kleidungsstücke auf den Bügel hängen. Unsere Marken stehen für ein bestimmtes Lebensgefühl, für Stil und bestimmte Werte – und all das muss im Laden erlebbar werden. Gewandelt hat sich das Warenbild zum kurzfristigen Sortiment. Heutzutage liefern unsere Fabrikanten jeden Monat neue Ware. Eine Tatsache die meine Eltern noch gar nicht kannten, und heute noch als sehr ungewöhnlich im Handel ist. Wer weiß, ob das in 50 Jahren noch aktuell sein wird. Vermutlich nicht. Trotzdem wage ich die Behauptung, dass wir vom Modehaus Böhmer ganz gut für die Zukunft gerüstet sind. Was uns treibt, ist immer noch das Gleiche wie vor 250 Jahren: Gutes zu verkaufen, das die Menschen in und um Telgte brauchen. Heute ist das die aktuelle Mode für Frauen, die die Errungenschaften der Vergangenheit schätzen können, die die Gegenwart genießen und sich auf die Zukunft freuen..