GESCHICHTE
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Ich lade Sie ein zu einem kurzweiligen Spaziergang durch die Geschichte – angefangen im Jahr 1755 bis heute. Alle 50 Jahre machen wir eine Pause und sehen uns an, was in der Welt der Politik und der Mode, was in Telgte und bei den Böhmers gerade so passiert. Kommen Sie mit? |
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Beginnen wir im Jahr 1755. Was ist das für eine Zeit, damals vor 250 Jahren? In den Kirchen hört man noch gern die Musik |
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Johann Sebastian Bachs, In Amerika wurde soeben der Blitzableiter erfunden, und in England machen die sogenannten „Blaustrümpfe“ von sich reden –
aufmüpfige Weibsleute, die nach Gleichberechtigung schreien. In Telgte wird man Letzteres, wenn überhaupt, nur kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen haben. Das Münsterland Lebt seit sieben Jahren in Frieden. Solange ist nämlich der österreichische Erbfolgekrieg beendet, in den sich so ziemlich jede europäische Macht irgendwann eingemischt hat. Das Glück wird allerdings nicht mehr lange dauern, denn Friedrich II. von Preußen plant schon den nächsten Krieg: Was wir im Geschichtsunterricht als den "Siebenjährigen Krieg" auswendig lernen mussten, das beginnt 1756 und wird auch Telgte allerlei Truppenbesatzungen und anderes Unbill bringen. Noch ist davon aber nicht die Rede. Knapp 25 Millionen Menschen leben um 1755 in Deutschland, gerade mal 1.600 in Telgte. Die Stadt ist - für unsere heutigen Begriffe – eigentlich ein Dorf. Den Menschen hier geht es verhältnismäßig gut, sie leben von der Landwirtschaft, vom Handwerk und – in noch bescheidenem Maße – auch vom Handel. 1739 hat die Stadt zum letzten Mal gebrannt. Noch immer sind einige Häuser in den zerstörten Straßen zwischen Steintor und westlicher Ritterstraße unbewohnt. Lieber erinnert man sich an die jüngst begangene Hundertjahrfeier zur Grundsteinlegung der Wallfahrtskapelle: Vom 1. bis zum 14. Juli des Jahres 1754 kamen mehr als 60.000 Pilger nach Telgte - vielleicht waren es sogar 100.000! Ein Riesenevent also, von dem man in Telgte noch beim nächsten Jubiläum in hundert Jahren erzählen wird. In diesem Jahr 1755 beschließt ein gewisser Johann Anton Böhmer, den landwirtschaftlichen Betrieb der Familie um eine Dampf-Kornbranntwein-Brennerei zu ergänzen. Haus und Hof liegen direkt am Marktplatz, und die südlich gelegenen Flurstücke bis zur heutigen Königstraße bieten genügend Platz. Die Idee ist nicht ganz so verwegen, wie sie heute klingt: Zu dieser Zeit widmen sich in Telgte schon fast ein Dutzend Kornbrennereien der schönen Aufgabe, Getreide in eine Flüssigkeit zu veredeln. 24 Beschäftigte arbeiteten in der Branche, die meisten davon verdingen sich als Tagelöhner und erhalten 1 Taler am Tag. Der Bruttoertrag aller Brennereien beträgt im Jahr 1755 genau 77.760 Taler. Zum Vergleich: Die 48 Tuchweber Telgtes erwirtschaften an ihren Webstühlen übers Jahr zusammen nur 24.050 Taler, wobei ein Tagelöhner damit immerhin 1 ¼ Taler am Tag verdient. Was die Brennereien an Korn verarbeiteten – 1755 waren es fast 20.000 Scheffel voll – hätte auf dem Markt knapp 65.000 Taler gekostet. Die Arbeit lohnt sich also nur für die Bauern, die den Rohstoff selbst produzieren und nicht zukaufen müssen. Mein Vorfahr Johann Anton Böhmer, der nur 37 Jahre alt wurde und 1761 starb, war also eigentlich ein Bauer. Aber wohl einer mit einer besonderen Nase fürs Kaufmännische. Denn schon im Jahr 1755 hat er Handel betrieben, und zwar mit Tuchen. Aus einer alten Rechnung von 1751 geht hervor, dass Böhmers Hanf und Flachs im Tagelohn zu Leinen weben ließen und dann weiterverkauften. Das Verfahren war in Telgte nicht unüblich, viele Hausweber haben sich auf diese Weise ein Zubrot verdient. Nur hat es eben längst nicht bei allen bis in die Gegenwart überlebt. Wir wissen heute leider kaum etwas darüber, wie Johann Anton Böhmer mit seiner Frau Maria Katharina Wennink und seinen Kindern lebte. Sicher haben sie hart gearbeitet und in eher bescheidenen Verhältnissen gelebt. Die Häuser sind in dieser Zeit klein und dunkel, der Alltag spielt sich hauptsächlich in Küche, Stall und Scheune ab. Mit Mode haben diese Böhmers noch überhaupt nichts am Hut. Mode, das ist um diese Zeit eher ein Thema für die adeligen Damen und Herren, deren Höfe in der Ritterstraße oder am heutigen Baßfeld liegen. Gut möglich, dass der Früh-Unternehmer Böhmer bei der Landarbeit gelegentlich auch einem Grafen in Kniehosen und Seidenrock zu Pferde begegnet. Die wirklichen Modeereignisse des Rokoko spielen sich allerdings in den Salons und Ballsälen ab, die ein einfacher Bürger nie zu sehen bekommt. Dort kleiden sich die Damen in tief dekolletierte Schnürmieder und Reifröcke. Die Röcke sind manchmal so breit, dass ihre Trägerinnen nur seitwärts durch die Türen schreiten können und der begleitende Herr beim Händchenhalten seine liebe Not hat, der Dame nicht permanent auf den Saum zu treten. Die Frisuren der Damen türmen sich bis zu einem halben Meter hoch. Der Friseur benötigt mehrere Stunden für einen solchen Haarputz, und manche Damen können vor dem Ball nur im Sitzen schlafen, weil das Kunstwerk sonst Schaden nimmt. Das alles wird mit Puder weiß überstäubt, was wiederum ein kräftiges Gesichts-Makeup in Rot und Weiß nötig macht. Auch die Herren pudern und schminken sich, im Übrigen bleibt ihre Kleidung jedoch deutlich „tragbarer“. |
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