GESCHICHTE - 1855
| Gehen wir nochmals ein Stück weiter in der Geschichte voran und lassen Sie uns einen Blick in das Jahr 1855 tun. Familie Böhmer trauert! Sie trauert um Bernhard Anton Böhmer, der am 30. Juni des vergangenen Jahres starb. | |
| Er hat das Familienunter-nehmen bedeutend gestärkt und gefestigt. In der Zeit seiner Geschäftsführung wird der |
|
|
Handel zu einem bedeutenden wirtschaftlichen Standbein, wenn auch die Eintragung in das Königlich-Preußische Handelsregister des Kreises Münster
erst 1862 durch seinen Sohn August vorgenommen wird. Übrigens, dieser August ist 1855 ja schon ein Mann im besten Alter, aber vor wenigen Jahren noch hat er Ärger mit der Polizei gehabt, weil er mit einigen Kameraden verbotenerweise ein Plakat aufrührerischen Inhalts am Rathaus angebracht hat. Glücklicherweise ließ sich damals alles gütlich regeln. Etwa um 1850 übrigens hat unser Haus hier am Markt die Gestalt erhalten, die es noch heute hat. Vorher waren es nämlich eigentlich zwei Hausstätten gewesen, mit nebeneinander liegenden, aber getrennten Hauseingängen, deren schmale Vorderfronten zum Markt zeigten. Bernhard Anton Böhmer unternimmt nun einen großzügigen Umbau, durch den beide Hausteile miteinander verbunden wurden. Dadurch entsteht ein Gebäude, das mit seiner Breitseite zum Marktplatz steht und damit viel präsentabler ist als früher. Das Umbauen scheint den Böhmers irgendwie im Blut zu liegen, jedenfalls hat fast jeder von Bernhard Antons Nachfahren – mich eingeschlossen – irgendetwas am Haus verändert, vergrößert und umgebaut. Jede dieser Baumaßnahmen hat ihre Spuren am Haus hinterlassen, auch wenn manche inzwischen wieder zurückgenommen wurde. Heute sieht es übrigens fast wieder so aus wie um 1855. Bernhard Anton Böhmer hat sich auch als Mitglied des Stadtrates einen Namen gemacht. In den Archiven der Stadt gibt es Protokolle von Ratssitzungen, die sein Engagement für das Wohl der Stadt und ihrer Bürger belegen. Schon 1831 ist Bernhard Anton Böhmer vom Regierungspräsidenten zum 2. Beigeordneten des damaligen Bürgermeisters Max Schulz ernannt worden. Als dieser 1850 stirbt, wird mein Vorfahr sogar zum kommissarischen Amtmann benannt. Er hat offenbar keine Ambitionen, diese Aufgabe für längere Zeit zu übernehmen, schließlich ist er Kaufmann und will es auch bleiben. Doch seine Erfahrung macht ihn zum geeigneten Mann, den richtigen Nachfolger zu finden. In unseren Familienbriefen habe ich Schreiben gefunden, mit denen sich verschiedene Verwaltungsbeamte für den Posten empfehlen. Über manche hat Bernhard Anton Böhmer sogar Erkundigungen bei Freunden aus der Umgebung eingezogen, zum Beispiel bei dem nach Hamm verzogenen Apotheker Fritz Brefeld und dessen Frau Clara. 1852 wird schließlich der gebürtige Franke Carl Anton Dierickx berufen, der zuvor 12 Jahre lang Amtmann von Gronau gewesen war. Bernhard Anton verbleibt weiterhin im Rat und setzt sich 1853 vehement für die Reparatur der städtischen Pumpe auf dem Marktplatz ein. Ich zitiere aus seiner schriftlichen Beschwerde: "Da der große Übelstand für hiesige Stadt, daß hie keine einzige Pumpe besteht, auf deren anhaltende Benutzung etwa bei einem vorkommenden Brande mit Sicherheit zu rechnen ist, da die einzige städtische Pumpe mit ihrem Brunnen in so schlechtem Zustande sich befindet, daß sie beim ersten Angriffe zusammenstürzen kann und der Brunnen in der ersten halben, vielleicht Viertelstunde bei einer starken Benutzung versagen würde, muss einen jeden hiesigen Einwohner mit banger Sorge erfüllen, dass bekanntlich das Wasserschöpfen aus der Ems nur langsam geht und Privatbrunnen und –pumpen nur wenig leisten können, wenn ein Brand bedeutend würde." Bernhard Anton Böhmer hat den Plan, Wasser von der Ems mittels einer von acht Mann zu bedienenden Doppelpumpe in ein Bassin fließen zu lassen. Das soll dann durch unterirdische Rohre an verschiedene Brunnen verteilt werden, um so die Versorgung aller Stadtteile mit genügend Löschwasser sicher zu stellen. Leider macht ihm der Höhenunterschied zwischen Emsufer und Marktplatz einen Strich durch diese Idee. Die Stadtverwaltung lässt es deshalb später bei einer Erweiterung von Pumpe und Brunnen auf dem Marktplatz bewenden – allerdings erst, nachdem ein Brand tatsächlich die schlimmen Befürchtungen meines Vorfahren bestätigt hatte. Telgte ist noch immer eine Stadt der Handwerker und Landwirte. Die Industrialisierung, die in England um diese Zeit bereits einsetzt, liegt im Münsterland zwar auch in der Luft, aber irgendwie kommt sie hier nicht recht in Gang. Sicher hat das auch damit zu tun, dass Telgte immer noch keinen Eisenbahnanschluss hat, obwohl es bereits mehrere private Eisenbahnstrecken gibt, die allesamt nach Münster führen. Doch ein Bahnhof für Telgte wird noch bis 1887 auf sich warten lassen. Die Mode der Zeit hat nichts mehr mit den fließenden Schnitten nach antiken Vorbildern zu tun, die zum Jahrhundertbeginn noch "en vogue"“ waren. Stattdessen kommt die Krinolin wieder. Die Röcke der Damen werden nämlich wieder länger und vor allem weiter, am Saum haben sie nicht selten einen Durchmesser von zwei Metern. Oben sorgt eine frühe Form des Korsetts dafür, dass alles allzu Weibliche platt geschnürt wird. Zeitgenossen vergleichen die neue Frauen-Silhouette deshalb auch mit einem "aufgeputzten Teewärmer". Volants sind schwer "in" – Kaiserin Eugenie in Frankreich soll ein Kleid mit 104 Reihen Tüllvolants besessen haben. Alles ist ungeheuer verspielt und überreich verziert. Gut, dass inzwischen die Nähmaschine erfunden wurde. Bei den Herren haben sich längst enge, lange Hosen etabliert, die mit einem kleinen Band festgehalten werden, das unter der Schuhsohle hindurch führt. Sie weichen aber allmählich etwas weiteren, lose getragenen Hosen. Es ist die Zeit, in der die Farbigkeit aus der Männemode verschwindet. Einfarbige Anzüge kommen auf, man geht nur noch in "Schlips und Kragen". Spazierstock, steifer Hut und Gehrock werden zum unverzichtbaren Accessoire der Herrenmode. |
|
