GESCHICHTE - 1905
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Und weiter geht’s – schnurstracks hinein ins 20. Jahrhundert. |
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| Im Jahr 1905 hat der Fortschritt Telgte nun doch noch erreicht. Seit 1887 hat die Stadt einen Eisenbahnanschluss |
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und einen Bahnhof, weil man eine Schmalspur-bahn nach Münster errichtet hat. Diese wird bevorzugt von vierbeinigen Reisegästen benutzt – man schickt damit nämlich Kühe und Schweine zu
den großen Viehmärkten nach Münster. Wenig später wird die Strecke als Normalspurbahn nach Osten quer durch den Kreis Warendorf verlängert. Seit vier Jahren wird unser Haus durch eine Telegraphenleitung verziert. Denn 1901 hat im Haus gegenüber, an der Ecke von Kapellenstraße und Münsterstraße, das erste Telgter Telegraphenamt den Betrieb aufgenommen. 50 Jahre später als in Münster, aber immerhin. Die erste Leitung führt über unser Dach und das der Häuser Bußmann, Horstmann und Mermann bis zum Bahnhof. Direkt vor unserer Haustür kündigen sich allerdings noch größere Veränderungen an: Der Rat der Stadt hat nämlich beschlossen, das marode Rathaus aus der Zeit um 1500 abzureißen. Zunächst werden verschiedene andere Grundstücke für den Neubau ins Auge gefasst, doch die erweisen sich als zu teuer oder als ungeeignet. Deshalb entscheidet der Rat endlich, das neue Gebäude an gleicher Stelle zu errichten. Und ob Sie es glauben oder nicht: binnen eines Jahres sind Abriss und Neubau beendet, schon 1908 zieht die Verwaltung der Stadt in das Haus am Markt! Mein Urgroßvater Paul Böhmer hat den Bau nicht mehr gesehen, denn er stirbt im Jahr 1905. Sein Sohn Otto ist erst 18 Jahre alt, doch er übernimmt sofort die Geschäfte der Familie Böhmer mit seiner Mutter Laura Böhmer. Er wird die Firma durch schwierige Zeiten führen müssen. Es dauert nur noch 9 Jahre bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs. Deutschland rüstet mächtig auf und wird nach England zur zweitgrößten Seemacht der Welt. Vorkriegs-Europa steht kurz vor einer alles verändernden Katastrophe, und das spüren sicher auch die Menschen in Telgte. Kaufmännisch bedeutet diese Unsicherheit für Otto Böhmer, sich auf einen Wirtschaftszweig zu konzentrieren. Als erstes wird die Kornbrennerei an Familie Rüschkamp verpachtet, doch bald nach dem ersten Weltkrieg gehen die Rüschkamp´s und Otto verkauft die landwirtschaftlichen Brennrechte. Dann beendet Otto Böhmer die erfolgreiche Geschichte der Böhmerschen Privat-Bank, die fast 100 Jahre alt geworden ist. hre Geschäfte gehen auf die inzwischen auch in Telgte etablierte Genossenschaftsbank und die öffentliche Sparkasse über – die Ära der privat geführten Banken ist endgültig vorbei. Gleich nach dem Krieg wird Otto Böhmer noch einen Entschluss fassen, dessen Bedeutung wir heute noch fühlen: er beschränkt sich freiwillig auf den ausschließlichen Handel mit Textilien. Damit legt er den Grund für den fortdauernden Erfolg des Geschäftes, erkennt er damit doch frühzeitig den Trend hin zum Fachgeschäft. Die allgemeine Entwicklung in der Mode kommt ihm dabei zugute, denn um die Jahrhundertwende entsteht die moderne Konfektionsware, die in Fabriken gefertigt wird. Auf die "Turnüre", jenes unsägliche Popopolster aus dem vergangenen Jahrhundert, verzichtet man endlich. Aber stattdessen zwängt Frau sich jetzt in ein neues Korsett, dessen senkrechte Stahlstange allen Damen zu einem heftigen Senkrücken verhilft. Diese orthopädische Katastrophe bleibt noch bis ungefähr 1910 in Mode, obwohl es immer wieder Versuche gibt, so genannte Reformkleider zu kreieren. Die weiten Gewänder ohne Korsett entsprechen jedoch eher den medizinischen als den ästhetischen Ansprüchen ihrer Zeit. Nur wenige Fanatikerinnen mögen sie wirklich, und ich kann mir nicht vorstellen, dass es in Telgte viele von ihnen gab. Die Kleider um 1905 wirken auf uns heute altbacken und rückwärtsgewandt. Mit Ausnahme der Gesellschaftsrobe sind sie allesamt hochgeschlossen, langärmelig und bodenlang. Aber unter dem sichtbaren Überkleid verbergen sich jede Menge Unterstoffe, deren Spitzen verheißungsvoll rascheln und gelegentlich hervorblitzen, wenn eine Dame die Röcke aufnehmen muss. Dieses "Aufnehmen" hat seinen eigenen koketten Charme. Es wird natürlich viel häufiger eingesetzt als nötig, denn es kann so ziemlich alles bedeuten zwischen einem klaren "Nein" und einem zarten "Ja – vielleicht". Und wenn das nicht hilft, dann lässt sich das Spiel mit dem Sonnenschirm, der eine echte Dame bei jedem Wetter begleitet, beliebig fortsetzen. Den Männern steht um 1905 Entsprechendes natürlich nicht zur Verfügung. Der Herrenanzug hat sich kaum verändert, allerdings sind nun Zylinder und weiße Handschuhe ein absolutes "Must" für den Herrn von Welt. Außerdem beschert uns die Jahrhundertwende den kleinen Strohhut, den man in der Sommerfrische, auf der Bildungsreise nach Italien oder beim Ausflug mit den fidelen Kameraden der Liedertafel trägt. Und noch etwas ist neu: eine eigene Mode für den Automobilisten. Flatternder Schal und Pilotenhaube werden zum Markenzeichen der neuen, automobilen Generation, und ganz nebenbei beschert die neue Erfindung auch dem warmen Mantel ein kleines Comeback. |
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