Modehaus Böhmer
GESCHICHTE - 1955
Noch einmal gehen wir 50 Jahre weiter. Es sind die "längsten" 50 Jahre der Neuzeit – denn was hat sich nicht alles verändert in diesen fünf Jahrzehnten!
Zwei Weltkriege haben ungeheures Leid über die Menschen gebracht, und am Ende ist ein neues Europa Böhmer um 1945
entstanden, das sich eben in diesen Jahren um 1955 neu formiert.
Das so genannte Wirtschaftswunder ist im vollen Gang. "Made in Germany" wird zum Qualitätssiegel. Die Menschen arbeiten mit dem sprichwörtlichen Fleiß der Deutschen, und sie genießen ihren wieder erlangten – bescheidenen– Wohlstand. Wir sind wieder wer – sogar im Fußball, wie das Wunder von Bern beweist.
Wer es sich leisten kann, fährt mit dem VW Käfer über die Alpen nach Italien. Man träumt vom Sonnenuntergang auf Capri und bewundert den "american way of life".
Das Top-Ereignis des Jahres 1955 sind nicht etwa die Pariser Verträge oder die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Bonn und Moskau, nein – es ist der Besuch des iranischen Kaiserpaares in Deutschland. Die noch strahlende Kaiserin Soraya verzaubert im Handumdrehen die Medien und damit die gesamte Bevölkerung.

In Telgte sind die ersten Nachkriegsjahre fast ebenso schwierig gewesen wie der Krieg. Die Stadt hat durch die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Osten eine regelrechte Bevölkerungsexplosion zu verkraften gehabt, die erst mit Beginn der 50er Jahre allmählich abebbt. Der wirtschaftliche Aufschwung ist in unserer traditionell landwirtschaftlichen Gegend nicht halb so kräftig ausgefallen wie andernorts.

Dennoch geht es auch hier wieder aufwärts. Der Mariä-Geburts-Markt knackt erstmals seit dem Krieg den Rekord von 30.000 Besuchern, die Freiwillige Feuerwehr feiert ihr 70jähriges Bestehen.
Seit 1953 genießen die Telgter erstmals eine zentrale Wasserversorgung. Die Kanalisation ist dagegen immer noch nicht fertig, aber wegen der in Aussicht gestellten Landesmittel hat man nun doch recht zügig mit dem 2. Bauabschnitt begonnen. Deshalb ist die Münsterstraße vor unserem Haus komplett aufgerissen, was zu erheblichen Verkehrsbehinderungen führt.
Schließlich gibt es 1955 weder die Umgehungsstraße noch die Verkehrsberuhigung der Innenstadt.

Etwa um die gleiche Zeit übernimmt mein Vater Hans Ahrens die Geschäfte des Modehauses. Großvater Otto stirbt 1958, aber Großmutter Maria Böhmer bleibt uns als Seniorchefin noch lang erhalten. Mein Vater veranlasst noch 1958 den ersten großen Umbau des Geschäftshauses: Die Fassade wird vollkommen umgestaltet und erhält statt der einzel Schaufenster aus der Vorkriegszeit eine durchgängige Schaufensterfront.

Hans Ahrens ist übrigens vor mir der erste, der nicht mehr den Namen Böhmer trägt, aber den Grundgedanken des Hauses Böhmer. Dieser steht für Spaß am Handel und an der immer wieder veränderten neuen Mode zu präsentieren und auszuleben. Er präsentiert die Modewelt der 50. Jahre mit meiner Mutter Rosemarie Ahrens in diesen neuen Modefenstern.
Der New Look des Christan Dior, der die Frauen von den praktischen, aber wenig schmeichelhaften Kleidungsstücken der Nachkriegszeit befreite, setzt sich auch in der Konfektionsware durch. Der Rocksaum ist um spektakuläre 15 cm nach oben gerutscht (vom Mini wagt um 1955 noch niemand zu träumen).
Zugleich zeigt sich, dass die deutsche Frau nicht bereit ist, sich von einer ganz bestimmten Errungenschaften der Vorkriegszeit zu trennen: der Hose!
Etwas ganz Neues ist das knielange Cocktailkleid! Denn die bunten Mixgetränke sind zwar schon vor dem 1.Weltkrieg in Europa angekommen, aber als Lebensgefühl setzt sich der Cocktail erst jetzt durch. Und mit ihm jenes raffinierte Nachmittagskleid, das von nun an jede Frau vor die Frage stellt: Trag ich kurz oder lang?
Richtig für Aufregung sorgt allerdings etwas anderes, denn aus Amerika tritt jetzt der Petticoat seinen Siegeszug durch deutsche Kleiderschränke an.

Und der Mann? Da hat sich immer noch nicht viel getan. Man trägt nach wie vor Anzug – unter der Woche in braun oder blau, sonntags den "Guten" in schwarz. Die Schnitte sind so weit, dass man nicht wirklich erkennen kann, wie viel Bauch sich darunter verbirgt. Schlips, Hemd und Hut – das war’s dann schon. Der Blick in einen Männer-Kleiderschrank um 1955 konnte einen schon zum Gähnen bringen. Es sei denn, sein Besitzer mochte die neue Musik aus Amerika.
Wer Bill Haley hörte, der zog sich auch so an wie der, und das war dann gar nicht mehr langweilig.